Le Mont-Saint-Michel

FranAug_2gDie Anfahrt von Kehl über Strasbourg, vorbei an Metz und schließlich über die wuselige Péripherique von Paris führt durch eher unspektakuläre Landschaften und hat vor allem ein Ziel: die Überwindung von 843 km bis in die südliche Normandie. Als wir dort von der Autobahn abfahren, sind wir auf Anhieb bezaubert vom Charme der Gegend: pittoreske Steinhäuser mit weißen oder grünen Fensterläden, sattgrüne Wiesen zwischen niedrigen Büschen und Bäumen, Blumen überall dazwischen und wellige Straßen, die sich im Hinterland der Küste durch malerische Cottages schlängeln… Ja, es gibt einen guten Grund, warum ich dieses Jahr schon zum zweiten mal hier her wollte. Wir sind so verzaubert, dass wir vergessen, während der Fahrt Fotos davon zu machen.

...ist ja  nicht so, dass es zu wenig Fotos gäbe...

…ist ja nicht so, dass es zu wenig Fotos gäbe…

Zunächst fahren wir Granville an, das mit einem schönen Altstadtkern und einem Campingplatz am Meer lockt. Angesichts der unerbittlich fortschreitenden Abendstunden rufe ich sicherheitshalber am Platz an, bis wann wir ankommen dürfen und wie wir am Folgetag zum Mont-Saint-Michel aufbrechen können. Die Antwort (bis 19:00 Uhr, Sonntags kein Busverkehr) ist ernüchternd, und so hängen wir noch eine halbe Stunde Fahrt dran und übernachten stattdessen am Camping Saint Michel in Courtils. Der Empfang ist freundlich, der Platz mit 15,- EUR/Nacht unerwartet günstig und am nächsten Morgen geht um 10:00 Uhr ein direkter Bus zum Mont-Saint-Michel, dem Ziel dieser Etappe.

Das Wetter hält und lockt mit windstillen, milden Temperaturen. Bevor der Bus kommt, haben wir noch genug Zeit, um den örtlichen liebevoll gestalteten Laden mit regionalen Spezialitäten näher zu begutachten: Galettes-Kekse oder Calvados, Camembert oder Cidre, was darf es sein? Einige kleine Einkäufe später bringt uns der Bus für 2,30 EUR pro Person bis zum Informationszentrum der Bucht von Saint Michel und schon haben wir erneut die Qual der Wahl: geführte Wattwanderung, Pferdekutsche, Zubringerbus „Navette“ oder Fußweg über die nagelneue Brücke? Der Fußweg gewinnt und kurz darauf nähern wir uns in der Vormittagssonne der beeindruckend bebauten Insel. Obwohl die „Insel“ aktuell im Watt statt im Wasser liegt, ist der Anblick imposant.

FranAug_2ebBisher erscheinen die Touristenströme erfreulich dünn, was sich erst in den engen Gassen des Mont-Saint-Michel selbst ändert. Zwischen zwei- bis dreistöckigen Steinhäusern führt eine schmale Straße bergauf und erinnert an eine Mischung aus Rüdesheimer Drosselgasse und mittelalterlichen Burgstädtchen – inklusive einer Unmenge an Souvenirshops, Restaurants und vor allem Touristen. Alle nervig, bis auf uns beide natürlich. Zehn Postkarten und ein frühes Mittagessen später erklimmen wir den oberen Teil der Insel mit seiner Klosteranlage. Für 9,- EUR Eintritt/Pers. lassen wir uns durch die unterschiedlichen Bereiche der Abtei treiben. Der meiste Teil ist gotisch und entsprechend großzügig angelegt. Je näher wir der Bergspitze kommen, umso mehr treten ältere Bestandteile zutage, schließlich ist der Kern der Anlage mehrere Jahrhunderte älter (und romanisch) als die von außen sichtbare Steinhülle.

FranAug_2faHoch über der architektonischen Pracht thront die aus Kupfer gefertigte, golden strahlende Statue des Heiligen Michael, die ihn im Kampf gegen einen geflügelten Lindwurm zeigt.

FranAug_2fgMindestens genauso schön wie die Anlage an sich ist der Blick über die offene Bucht in Richtung des offenen Meeres. Gemächlich wird die Wattlandschaft von Wasser überspült und geht weiter am Horizont in unendliches Blau-Grau über. Im Inneren betreten wir als nächstes den Kreuzgang, der einer der schönsten Bereiche der ganzen Abtei ist.

FranAug_2gbFranAug_2hcFranAug_2hdDie Abteikirche ist in ihrer schlichten Pracht und schieren Größe genauso spannend wie die Suche nach kleinen Details, die auf den Stilmix über die Jahrhunderte hinweisen. Die Gebäude der Klosteranlagen sind nur wenig verschnörkelt, da das Baumaterial (überwiegend Granit) keine filigranen Verzierungen zulässt. Lediglich in einigen nach innen gewandten Bereichen finden sich daher Verzierungen oder verspielte Säulen, was dem Bauwerk eine erhabene Note verleiht.

FranAug_2gfFranAug_2ghDas Refektorium ist auf seine ganz eigene Art überzeugend, wenn auch eher durch die Schlichtheit des symmetrischen, leeren Raums und durch das modern-kunstvoll gestaltete Deckenlicht als Ansammlung etlicher einzelner Glühbirnen. Neben kirchlicher Pracht ist der Bau aber auch ein Bollwerk, mit Schießscharten und dicken, widerstandsfähigen Mauern. Kurz nach einem großen Saal, in dem sich die Ballszene aus dem Klassiker „Tanz der Vampire“ stilecht nachspielen ließe, betreten wir plötzlich den alten Kern des Gotteshauses: eine kleine, sehr schlichte Kapelle, die den Ursprung der anno 708 gegründeten Anlage darstellt.

FranAug_2heNach gefühlten zwei Stunden in der Abtei sind die Sinne für Architektur und alten, grauen Steinen erschöpft und wir gönnen uns zur Erholung den Blick von der Klostermauer über die Bucht, lassen die Beine Baumeln und den Blick schweifen.

Hat uns das Kloster erleuchtet? Vielleicht...

Hat uns das Kloster erleuchtet? Vielleicht…

Der passende (und einzige) Bustransit zur Rückfahrt nach Courtils kommt uns um 17:05 Uhr gerade recht, so dass wir den milden Abend mit leichter Campingküche und ein paar fiesen Mücken ausklingen lassen.

Der nächste Tag hält sich genauso rigoros an den Wetterbericht wie der vorhergehende: pünktlich um 7:00 Uhr setzt Nieselregen ein, der sich in den nächsten zwei Stunden zu einem grauen Bindfadenwetter verstärkt. So gern wir noch hier bleiben würden (es locken immer noch Granville, die Smaragdküste, Jersey und weitere Kanalinseln sowie etliche raue Küstenabschnitte), bei Dauerregen über volle 4 Tage ist das keine Option. Also machen wir Hector startklar und brechen auf gen Süden.

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