Meran / 2

Trauttmansdorf1aDie zweite Hälfte meiner Erholungswoche rund um Meran beginnt mit trockenem, leicht diesigen Wetter. Beim Aufwachen zeigt das Thermometer noch 13°C, aber bis ich endlich auf dem Fahrrad sitze ist es schon so warm, dass sämtliche Regen- / Zusatz- und Reserveklamotten eng gequetscht im Rucksack landen. Nachdem ich nun die Radweg-Beschilderung rund um Meran etwas kenne, nehme ich sicherheitshalber das Navi mit – ein Handgriff, der sich bereits 5 km weiter bewährt. Himmelsrichtung, Intuition und Wunschdenken werden bestätigt, als mein TomTom mich vom Radweg weg und eine nervtötend befahrene Landstraße bergauf schickt. Zum Glück ist das der kleinste Teil der Strecke, denn schon nach rd. 750m erscheint der erste von 4 Parkplätzen, die unterhalb von Schloss Trauttmansdorff die Touristenmassen bändigen sollen. Trauttmansdorf2Die Gärten von Trauttmansdorf sind weithin berühmt und vor allem bei Reisebussen beliebt. Angesichts der weitläufigen Anlage stört das aber nicht im geringsten, zumal gerade die steileren Wege großteils rollator-frei sind. Trauttmansdorf3Nach einem unerwartet guten Mittagessen im ansässigen Restaurant, das Münchner Preise locker unterbietet, schlendere ich durch ein wasserfall-artiges Blütenmeer hoch zu den Palmen: Sand, Liegestühle und der Blick auf schneebedeckte Berggipfel. Ein hübsches Fleckchen, das sich mit einer lässigen Bambushütten-Cocktailbar noch spürbar aufwerten ließe. Anschließend durchquere ich die Papageien-Voliere und stehe auf dem windumtosten Stahlgerüst, das als Aussichtspunkt mehrere Meter ins Nichts ragt. Trauttmansdorf4Der Park bietet weitere Spielereien und Aussichtspunkte und so viel Pflanzen und Vielfalt, das der große Gartenliebhaber meiner Familie mindestens zwei Wochen beschäftigt wäre bevor ihm auffällt, dass er den Rest der Gruppe verloren hat. Trauttmansdorf9Da körperliches Wohl nicht nur von Bewegung und blütenreichem Augenschmaus abhängt, hole ich mir unten am künstlichen See ein Eis, lasse mich auf der See-Plattform in einen Liegestuhl fallen und genieße meine südtiroler Auszeit. Dieses Gelände hier ist eine unterhaltsame Mischung aus botanischem Garten, Sissi-Andacht, museal aufbereiteter Touristen-Historie, alten und neuen Gebäuden und Aussicht auf Berge und Täler. Wer sich noch nicht die Füße platt gelaufen hat kann ausgehend von den Gärten Trauttmansdorff einen historischen Fußweg nehmen, der ihn sanft zum Zentrum von Meran hinab führt. Trauttmansdorf5bIch lasse es gut sein und freue mich, dass auch mein Rückweg zum Campingplatz überwiegend bergab geht – zumindest für heute. Vigiljoch1Am nächsten Tag geht es dafür umso mehr bergauf: Zunächst per Seilbahn, die alle halbe Stunde fährt und auch mein Fahrrad sanft nach oben schweben lässt. Dann auf breiten, steinigen Wanderwegen, die mir zwar meine mangelnde Fitness vor Augen führen, sich aber mit etwas Zeit für kleinere Fotopausen gut bezwingen lassen. Vigiljoch2Belohnt werde ich dafür mit der Auswahl mehrerer Berggasthäuser und einer kleinen Kapelle, die oben auf dem Vigiljoch thront. Vigiljoch4Vigiljoch4aWie üblich habe ich längst Hunger, aber für die ersten beiden Einkehrmöglichkeiten ist es noch zu früh. Also geht es weiter zur Schwarzen Lacke, einem kleinen Moorsee mit überaus einladender Gastwirtschaft daneben. Entlang der Holzwand der Hauses stehen rustikale Bänke, verstreut sitzen entspannte Wanderer und Radler und die Speisekarte bietet genügend Auswahl, um über 1,5 Stunden verteilt die Beine auszustrecken und im Wechsel süße und deftige Tiroler Gerichte zu sich zu nehmen. Vigiljoch7Die Sonne strahlt, das Holz im Rücken ist wohlig warm und die Gegend so friedlich, dass es Überwindung kostet, sich wieder aufs Rad zu schwingen. Die nächste Etappe ist zwar auskunftsgemäß eher schwierig zu befahren, aber einen Versuch sollte es wert sein… Vigiljoch8Tatsächlich ist der Weg nun eher ein Trampelpfad und steinig obendrein. Ich taste mich langsam heran und fahre einzelne Etappen möglichst locker (und stehend) bergab, unterbrochen von ausgesetzten oder knorrig-wurzeligen Abschnitten, in denen ich das Rad souverän schiebe. Zur Ehrenrettung sei gesagt, dass das Verhältnis von Fahren und nebenher-laufen sich mit fortschreitender Übung vorteilhaft verschiebt… Vigiljoch8bNach einiger Zeit kommen die Skipisten in Sicht und kurz darauf mündet der Pfad in die Serpentinen des Wanderwegs, den ich am Vormittag bergauf unter die Räder genommen habe. Vigiljoch8aFür den Rückweg lasse ich die Seilbahn links liegen und fahre statt dessen die gesamten 1.434 Höhenmeter konzentriert bergab. Die Strecke zieht sich und führt entlang weitläufiger asphaltierter Mini-Sträßchen über Kilometer und Kilometer bergab – gelegentlich durchkreuzt vom Wanderweg, der diagonal den Berg hinab führt und per Fahrrad nun wirklich kein Spaß wäre. Vigiljoch5Euphorisiert von meinem großartigen MTB-Ausflug beschließe ich, ein paar Flaschen des hervorragenden Weißweins von Gut Haidenhof mitzunehmen, das liegt mit einem kleinen Schlenker fast auf dem Weg. Dachte ich zumindest… War ich drei Tage zuvor aus der entgegengesetzten Richtung gekommen, so muss ich jetzt feststellen, dass es eine Grenze der fahrbaren Steigungen gegenüber der nicht-fahrbaren Steigungen gibt. In diese Richtung gilt eindeutig: nicht fahrbar. Beim besten Willen nicht. Die Kühle der Berge ist leider nur noch eine schwache Erinnerung, während ich in brütender Hitze die steile Straße bergauf stapfe und das Fahrrad meterweise bergauf schiebe. Erst kurz vor dem Ziel flacht es so weit ab, dass ich in den Sattel steige und mit hochrotem Kopf im Haidenhof ankomme. Ich muss irgendwie erschöpft aussehen, denn die freundliche Eigentümerin bietet mir sofort einen der Liegestühle an, damit ich erst mal wieder zu Kräften komme. Später ziehen mich die erworbenen Weinflaschen talwärts und die Steigung fordert zwar etwas Konzentration, ist in der bergab-Richtung ansonsten aber tadellos fahrbar. Vigiljoch3Der Whirlpool des Campingplatzes sorgt dafür, dass sich der Muskelkater nach der ganzen Radelei in Grenzen hält und ich bin sicher, dass ich in den nächsten Jahren immer mal wieder kleine Fluchten in die Südtiroler Gegend rund um Meran antreten werde, um die Mischung aus mediterranem Klima und frischen Bergen zu genießen. Und das ganze gerade mal 3,5 Stunden von zu Hause entfernt!

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