Wank-Wanderung

Der Berg ruft, ganz ohne Zuruf, dafür mit Anruf: wie schön, dass sich Freund Oliver im Werdenfelser Land bestens auskennt, da kann ich mich auf Wesentliches konzentrieren, nämlich: wann soll ich wo sein und was muss ich dann anhaben?!

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Pünktlich um früh Uhr morgens rolle ich mit Hector auf den Parkplatz in Partenkirchen, noch pünktlicher ist Oliver, der mich bereits erwartet. Ich sortiere noch schnell die Wanderstöcke, den Rucksack, das halbe Frühstück und die Frage nach warmen und kalten Bergklamotten, und schon geht es los. Hector bewacht solange den Parkplatz.

In schönster Morgensonne spazieren wir gemütlich durch kleine Sträßchen des Ortes, kommentieren die Immobilienentwicklung und ich versuche nebenbei, ab und zu ein Stückchen Berge-Himmel-Kirchturm zu erhaschen.

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Bald schon geht es ordentlich bergauf, es gilt, den Wank zu erklimmen. Der Wank ist ein Berg inmitten weiterer Berge, was ihn aber weder kleiner macht noch seiner Aussicht die Weite nimmt. Bereits nach dem ersten Drittel des Weges schweift das Auge weit über das Tal hinüber zur Zugspitze und der dazugehörigen Bergkette.

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Immer schon wollte ich vor der Zugspitze posieren

Das Tempo des lauf-trainierten Bergsteigers an meiner Seite kann ich nicht übersetzungsfrei mitgehen, so dass er zwischendrin ganz Gentleman auf die Option hinweist, ab der Mittelstation mit der Gondel hochzufahren. Kommt natürlich nicht in Frage, so ein Gipfel will schließlich bezwungen werden! Nur leicht sehnsüchtig schiele ich auf die Überraschungseier, die wie am Schnürchen über unsere Köpfe hinweg schweben.

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…wie es sich wohl im Inneren eines Überraschungseis anfühlt?

Unterwegs erfahre ich viel über die umliegenden Berge, die Tücken der Kramerspitze, die Besonderheiten der Gegend und die landschaftliche Beschaffenheit der G7-Gipfel-Sicherheitsmaßnahmen. Wer hätte gedacht, dass ich hier mitten im Bayerischen so viel Weltblick geboten bekomme! Es ist das erste Mal, dass ich mit jemandem wandern gehe, der sich in der Gegend so gut auskennt, was ganz neue Perspektiven mit sich bringt. Nicht nur, dass ich Bewegung und Aussicht auf mich wirken lasse, sondern ich werde den Berg mit mehr gefütterten Gehirnzellen herunterkommen, als ich beim Aufstieg dabei hatte.

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Def. Bergführer, der: kennt sich aus, sorgt zudem für gutes Wetter und phänomenale Ausblicke

Der Blick und die Gesprächsthemen schweifen von nah bis fern und von oben bis unten. Als wir am Ziel ankommen, wartet bereits die nächste Überraschung auf uns:

AlphornbläserInnen. Genauer gesagt: eine ganze Versammlung davon. Wir geraten zufällig in das 1. Treffen der Alphornbläserinnen des Werdenfelser Landes. Überall finden sich aufgereihte Alphörner, dazwischen Frauen in Tracht, Männer in Tracht, und immer wieder erschallt Gebläse über die Bergwiesen.

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Zunächst lassen wir den Trubel links liegen und genießen entlang des Bergrückens den Blick von der Zugspitze bis hin zu den großen Seen, die südlich von München liegen. Vermutlich wüsste ich das jetzt noch genauer, wenn ich nicht nur genussvoll geschaut hätte, sondern alles akribisch dokumentiert und fotografiert hätte. Habe ich aber nicht, stattdessen war ich einfach da und fand es herrlich.

Als wir uns fast satt gesehen haben, kehren wir um und ein auf der großen Wirtshaus-Terrasse. Prompt werden wir umfassend über heimische Trachten, Traditionen und ihre wertvollen Besonderheiten unterrichtet, wobei ich mir im Stillen das ein oder andere dazu denke: die vehement verteidigte Tracht, die als einzig original-gültig dargestellt wird, ist im Grunde genommen ein Zufallstreffer aus zeitlicher Eingliederung und monarchischer Anweisung. Da diese philosophischen Gedanken jedoch tagefüllende Debatten auslösen würden, beschränke ich mich auf den Genuss der Bergwelt mit dazu passender Besetzung in Form unseres einheimischen Trachtlers. Noch intensiver wird das Verschmelzen von Landschaft und Leuten, als die nächste Runde Alphornbläser Aufstellung nimmt und auf Anweisung des Rauschebärtigsten von allen loslegt. Ist mir egal, ob das kitschig ist – so was bei einer Wanderung zufällig zu erleben, ist einfach urig.

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Frisch gestärkt treten wir anschließend den Abstieg an, der uns durch lichte Wälder stetig bergab führt. Eine Dreiviertelstunde oberhalb des Ortes kehren wir erneut ein: der Gschwandtner Bauer bietet in lieblicher Umgebung selbst gebackene Strudel und Kuchen an. Die Umgebung ist derartig idyllisch, dass man es nur mit gehaltvollen Kalorien aushält.

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Der restliche Weg führt sanft ins Tal und angesichts der Postkartenlandschaft, durch die wir gehen, werde ich erst Tage später meine neu erworbenen Hühneraugen wahrnehmen.

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Weiter unten blicken wir geradewegs auf die Skisprungschanze, die wie ein überdimensionaler Schuhlöffel am Berghang steht. Jahr für Jahr bietet der Wintersport Spektakel und kommunale Einnahmen aus Weltcup-Rennen und Skispringen, wenn nur das Wetter mitspielt. Die Debatten um Sinnhaftigkeit von Wintersport-Investitionen und Klimaerwärmung darf an dieser Stelle jeder mit sich selbst ausmachen, für die Betrachtung von Garmisch nehme ich es einfach hin.

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Kurz darauf erreichen wir wieder den Parkplatz und Hector meldet: „Keine besonderen Vorkommnisse. Sonne. Schöne Landschaft.“

Ich könnte mich jetzt 1,5 – 2 Stunden auf das Straßennetz einlassen und zurück nach München fahren. Nur: warum sollte ich das tun? Nicht umsonst ist die Gegend rund um Garmisch eine weithin bekannte Urlaubsregion und bietet genügend Campingmöglichkeiten, also auf zum Campingresort Zugspitze.

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Stellplatz am Campingresort Zugspitze

Für 16,- EUR steht Hector im unaufgeregten Stellplatz-Teil der Anlage und lädt für 2,70 sämtliche Batterien voll. Viel Gepäck habe ich nicht dabei, schließlich ist eine spontan-Übernachtung keine Weltreise. Kurz die Duschsachen packen und ab zum Waschhaus, danach noch ein Satz frischer Klamotten und schon sitze ich an einem hübschen Tisch beim Schmölzer Wirt. Ich lasse mich deftig bekochen, bevor ich unter einem gigantischen Sternenhimmel die kurze Strecke zurück zum Bus laufe und mich höchst zufrieden in Hectors Himmelbett kuschle. Am nächsten Morgen ist der erste Blick aus dem Bett-Fenster dieser:

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Augenaufschlag nach erholsamer Nacht: Garmischer Hausberge

Vor der Abreise gönne ich mir noch einen Kaffee in der Morgensonne. Während ich verträumt auf die Hänge blicke, die ich erst acht Monate zuvor noch mit Skiern runter gesaust bin, schweben einige Paraglider von den Berghängen hinab. Vom bergauf-Weg zur Wank-Spitze, über die Alphornbläser und die Trachtenvereinsmeier, vom Gschwandtner-Wirt zum Schmölzer Wirt, von Sonnenuntergang zu Sonnenaufgang: die Zugspitze hat bei meinem kleinen Ausflug keine aktive Rolle gespielt, und doch war sie im Stillen immer dabei und prägt die gesamte Region.

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Nein, ich habe in München keinen Bergblick. Aber wozu auch? Den habe ich schließlich mit Hector!

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