Alltagsfluchten 2016: Garmisch und die Höllentalklamm

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Garmisch, schon wieder?! Es hilft ja nichts, hohe Berge, gute Infrastruktur und die Nähe zu München machen es zu einem begehrten Ziel. Ich bin neugierig darauf, meine bisher dritte Campingvariante auszuprobieren: den Stellplatz am Wank.

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Stellplatz am Wank

An der Wank-Seilbahn sind zwei Reihen des Asphalt-Parkplatzes Reisemobilen vorbehalten und für Anfang September ist unerwartet viel los. Ich suche mir einen Platz in der unteren Reihe aus und parke gekonnt rückwärts ein. Bei der Anmeldung im Hütterl zahle ich 13,- EUR (inkl. 2,- EUR Kurtaxe) beim netten Platzwart und werfe anschließend noch 2,- EUR für Strom in das Metallkästchen neben der Durchgangstreppe – voilà, wir sind angekommen.

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Im Michael-Ende-Kurpark

Den Sommernachmittag nutze ich für einen Bummel durch Garmisch und den Michael-Ende-Kurpark mit seinen märchenhaften Figuren. Am besten gefällt mir der Steinbeißer-Brotzeit-Stein und prompt bekomme ich Hunger. Leider hat der legendäre Kaiserschmarrn beim Steyrer Sepp etwas nachgelassen, aber dafür sitze ich gemütlich allein in der Wirtschaft und genieße Kalorien und Nichts-tun.

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Irgendwo in Garmisch-Partenkirchen

Der Wank-Stellplatz ist erfreulich nah an der Stadtmitte, selbst mit dem billigsten aller bergauf-bremsenden Klappräder ist der Heimweg zum Bus nur ein Katzensprung. Die Ausstattung am Stellplatz geht völlig in Ordnung: die Toiletten der Bergbahn sind rund um die Uhr für Camper verfügbar und für 1,- EUR gibt es sogar warme Duschen. Der Sonnenuntergang am Abend ist dank der hohen Berge rundum fantastisch und die Kuhglocken von der nahen Weide vervollständigen das Bergidyll.

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Hectors Grundausstattung ist so umfangreich, dass ich jetzt mit Beleuchtung und Musik per Skateboard über die Slackline fahren und nebenbei aus einem Architekturbuch vorlesen könnte. Für heute lasse ich es jedoch gut sein und kuschle mich statt dessen frühzeitig in mein Himmelbett. Ein letzter Blick durch die Dachfenster zu Berggipfeln und Sternen und schon bin ich eingeschlafen.

Noch vor Sonnenaufgang bin ich wach und genieße ausgiebig Kaffee und Frühstück, bevor ich um Punkt 7:00 Uhr abgeholt werde: Oliver hat uns eine besonders klamme Wander-Tour ausgesucht und so laufen wir kurz darauf durch das verschlafene Hammersbach.

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Morgens in Hammersbach

Die erste Stunde führt der Weg entspannt bergauf bis die Felswände greifbar nah werden. Laut Oliver biegen wir in Kürze rechts ab, aber da wo er hinzeigt ist nur Felswand zu sehen. Ich beschließe heimlich, mich gönnerhaft zu zeigen, wenn der Weg an eben dieser Bergwand endet.

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Doch kurz darauf wird es skurril: Zunächst steht mitten in der Bergwelt ein kleiner Kiosk, dann folgt eine Brücke und Wegweiser zur Höllentalklamm. Kurz darauf passieren wir ein Kontrollhäusl und die Blondine der Wandergruppe hat natürlich ihren DAV-Ausweis im Bus liegen lassen… Für 4,- EUR pro Nase (1,- mit DAV-Ausweis) betreten wir die Schlucht, dank der unser Weg tatsächlich mitten in die Berge führt. Der Blick ist bereits auf den ersten Metern fantastisch.

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…und dann öffnet sich der Berg und gibt einen schmalen Weg frei: die Höllentalklamm

Wir sind so früh dran, dass wir die Klamm für uns allein haben. Angesichts der engen Wege ist das ein unschätzbarer Vorteil! Noch dazu läuft einem meistens niemand ins Bild, mal abgesehen von wertvollen Bergwanderfreunden.

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Highlights: eisblaues Wasser, tiefer Einschnitt im Berg und derjenige, der uns hierher gebracht hat

Die Höllentalklamm ist sensationell schön. Die Farben, die Größenordnungen, der Blick nach unten und nach oben, die Ruinen des Elektrizitätswerks, die abgestürzten Bäume und das wilde Rauschen des Wassers.

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Die Regenjacke ist das beste Accessoire des Tages, denn alldieweil tropft es in den Stollengängen, das Wasser scheint überall aus dem Berg zu kommen.

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Wir lassen uns Zeit und brauchen eine Stunde, um die Klamm entlang bis zu ihrem oberen Ende zu bewältigen. Bevor das weite Tal die Felswände zurück drängt sehen wir über uns einen schmalen Steg, der in schwindelerregender Höhe die Klamm quert: eine Alternativroute, die sicher gut für Menschen mit Höhenangst bzw. deren Überwindung ist.

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Plötzlich weitet sich das Tal und gibt den Blick frei auf die Zugspitze und den Waxenstein. So dicht, wie die Felswände vorher waren, so weit öffnet sich jetzt das Bergpanorama. Erst in der Höllentalangerhütte treten wir wieder ein in die Zivilisation. Die Hütte wurde 2015 neu eröffnet, nachdem die alte abgerissen und eine neue in zehnfacher Größe gebaut wurde. Trotz aller Kritik ist sie gelungen: Klare Formen, weitläufiger Platz und Blick auf die Hauptroute für Zugspitzbezwinger.

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Nach einer deftigen Brotzeit lassen wir die Zugspitze rechts liegen und steigen auf zu den Knappenhäusern. Zu meiner Überraschung sind sie privat bewohnt. Weitab von jedem fahrbaren Weg, mindestens eine Stunde entfernt von anderen Berghütten und mit Blick auf Garmisch ist das einer der speziellsten Wohnorte, die man sich nur denken kann. Der Wanderweg führt zwischen den Gebäuden hindurch und teilt sich später a) zur Alpspitze und b) zum Kreuzeck.

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Knappenhäuser am Berg

Die Alpspitze mit ihrer freischwebenden Aussichtsplattform hebe ich mir für nächstes Jahr auf. Heute zieht es uns zum Kreuzeck und ich sehe meine Lieblings-Skipisten in sattem Grün vor mir liegen. Vorbei am alten 2er-Sessellift wandern wir gemütlich bis zur Kreuz-Alm, die ich noch als kleine alte Hütte kenne. Doch das ist lang her, mindestens ein Jahr. Inzwischen hat ein Neubau die alte Hütte verschluckt: gekonnt wurde um das alte Haus herum ein deutlich größeres errichtet. Sehr gelungen, übrigens. Die Hütte lockt innen mit alpiner Gemütlichkeit und Kachelofen, außen heizen sich die Holzbänke entlang der Wände mit Alpensonne auf und laden ein zu Speis, Trank und Ausblick.

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Obwohl wir 1.600 m > NN sind hält uns die Erdanziehungskraft über eine Stunde fest. Der Kaiserschmarrn ist so gut, dass wir uns beinahe mit den Gabeln beharken und feierlich übereinkommen, dass wir nächstes Mal gleich zwei Portionen bestellen.

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Die aufziehenden Wolken sind mir ein willkommener Vorwand, den Weg ins Tal zu gondeln statt zu wandern. Wäre ja auch unwirtschaftlich, die kostbaren Hütten-Kalorien direkt wieder zu verbrennen.

Die Tour war spitze und ich frage mich, warum das Kalenderjahr eigentlich so wenig Wochenenden hat – da liegt doch ein Systemfehler vor…

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3 thoughts on “Alltagsfluchten 2016: Garmisch und die Höllentalklamm

  1. Pingback: Preparation (8): Miss Riffelspitze | Travelhector

  2. Da liegst du völlig richtig: die schlichten Stellplätze liegen mir oft mehr als die Luxuscampings. Schließlich buche ich keinen Cluburlaub sondern will mal eben entspannt mein Zuhause aufstellen. Gerade bei kurzen Übernachtungstrips ist das die bessere Wahl, zumindest solange man keine Heringe in den Asphalt rammen will 😉

  3. Ja, die Höllentalklamm ist tatsächlich sensationell schön und du hast sie auf den Fotos erstklassig eingefangen. Das Camp hat etwas von einer Wagenburg und ist damit im Grunde ganz gemütich. Jedenfalls stelle ich es mir klasse vor, in Hectors Clubsesseln zu sitzen, zu lesen und dabei Tee oder Wein zu schlürfen.
    Welch ein tolles Wochenende du da beschrieben hast. Man sollte viel mehr Kurztouren und nicht nur die langen Reisen fahren. Das nehme ich mir jedenfalls fest vor.
    Liebe Grüße,
    Svenja

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